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Besondere Persönlichkeitsstile Symptome und Erscheinungsformen Traditionell sprechen die Psychiater bei bestimmten Denk- und Verhaltensweisen von "Persönlichkeitsstörungen". Dieses Wort ist leicht irreführend, kann man davon logisch ableiten, dass die "Persönlichkeit" also der ganze Mensch durch und durch gestört, verrückt, daneben und so weiter, und letztlich umfassend krank ist. Zunächst muss auch erst einmal definiert werden, was denn eine Persönlichkeit ist. Orientierend kann man sagen, dass eine Persönlichkeit die Summe aus verschiedenen Denk- und Handlungsweisen ist, die ein Menschen überwiegend zeigt und ihn ausmachen. Neuere Erkenntnisse zeigen, dass Persönlichkeitsmerkmale kontinuierlich verteilt sind, dass heißt, dass das eine Merkmal mehr oder weniger ausgeprägt sein kann. Es ist nicht so, dass ein Mensch das Merkmal hat oder nicht - also krank oder gesund, normal oder abnormal ist. Jedes Merkmal ist somit normal, weil es eben bei Menschen zu finden ist. Von einem "Persönlichkeitsstil" kann man sprechen, wenn bestimmte Merkmale - Denk- und Verhaltensweisen - deutlich mehr als beim Durchschnittsmenschen vorhanden ist. Zudem muss noch kommen, dass der Betroffene diese Denk- und Verhaltensweisen relativ unflexibel einsetzt und diese dadurch oft und in verschiedenen Situationen zeigt. Hier folgt nun die Beschreibung von definierten Persönlichkeitsstilen mit ihren typischen Denk- und Verhaltensweisen, wobei nicht alle Merkmale vorhanden sein müssen: Ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstil : Die Betroffenen haben andauernde und umfassende Gefühle von Anspannung und Besorgnis; sie sind überzeugt davon, selbst sozial unbeholfen, unattraktiv und minderwertig im Vergleich mit anderen zu sein; sie haben ausgeprägte Sorgen in sozialen Situationen kritisiert und abgelehnt zu werden; sie gehen überwiegend nur in Kontakt mit anderen, wenn sie überzeugt sind, von den anderen gemocht zu werden; sie vermeiden privat und beruflich Aktivitäten, die intensiven zwischenmenschlichen Kontakt bedingen, aus Angst vor Kritik, Missbilligung oder Ablehnung; sie können sich große Sorgen um ihre Gesundheit machen und sich deshalb einschränken. Abhängiger Persönlichkeitsstil : Die Betroffenen ermuntern oder fordern andere auf, die meisten wichtigen Entscheidungen für das eigenen Leben für sie zu treffen, sie fragen andere häufig um Rat und lassen ihre Entscheidungen bestätigen; sie ordnen ihre Bedürfnisse den der anderen, zu denen eine Abhängigkeit besteht, unter, sind sehr nachgiebig und fordern kaum oder gar nichts ein; sie haben unangenehme Gefühle und erleben sich hilflos, wenn sie alleine sind aus Angst, dass sie nicht alleine für sich sorgen können; sie haben große Angst von Angehörigen verlassen zu werden und auf sich selbst gestellt zu sein. Zwanghafter Persönlichkeitsstil : Die Betroffenen zweifeln häufig und sind sehr vorsichtig; um gute Ergebnisse zu erzielen und keine Fehler zu machen beschäftigen sie sich sehr mit Details, Regeln, Listen, Ordnung, Organisation und Planungen, so dass dieser Perfektionismus auch hinderlich sein kann, Arbeiten zeitnah fertigzustellen; Sie sind insgesamt sehr gewissenhaft und leistungsbezogen, Vergnügen und Beziehungen werden häufig vernachlässigt; soziale Regeln werden präzise und verlässlich umgesetzt; sie wissen genau, was sie wollen und lassen davon nur schwer ab; sie delegieren wenig und bestehen darauf, dass Dinge so umgesetzt werden, wie sie das richtig finden. Histrionischer Persönlichkeitsstil : Die Betroffenen stellen sich selbst im Vergleich mit anderen sehr heraus, teilweise mit spektakulären Verhaltensweisen, und mögen es, im Mittelpunkt zu stehen; sie geben ihrem Gefühlen starken Ausdruck; sie aber auch leicht von anderen und durch bestimmte Situationen beeinflussbar; die Stimmungen wechseln stark; sie suchen aufregende Situationen, verhalten sich verführerisch und beschäftigen sich sehr mit ihrer äußeren Erscheinung, um nach außen attraktiv zu erscheinen. Borderline Persönlichkeitsstil : Die Betroffenen haben eine deutliche Neigung, unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln; sie haben wechselnde, instabile Stimmungen; Schwierigkeiten langfristig vorauszuplanen; heftige plötzliche Wutausbrüche mit teilweise gewalttätigen Handlungen; sind sich unsicher im Selbstbild und ihren inneren Vorlieben; haben häufig Gefühle von innerer Leere; Beziehungen werden intensiv, aber auch unbeständig gelebt mit wiederholten emotionalen Krisen; sie strengen sich übermäßig an, nicht verlassen zu werden; es kommen selbstverletzende Handlungen (Ritzen und Schneiden, mit Faust oder dem Kopf an die Wand schlagen und so weiter), Selbstmordgedanken und -drohungen und Selbstmordversuche vor. Narzisstischer Persönlichkeitsstil : Die Betroffenen sind sehr von sich überzeugt und erleben sich im Vergleich mit anderen als sehr bedeutend; sie setzen sich für Erfolg und Macht, aber auch für Schönheit und Ideale ein; sie suchen Kontakt zu besonderen Menschen mit hohem Status, zu denen sie sich zugehörig erleben; sie lieben es, von anderen bewundert zu werden; sie erwarten, dass andere sie besonders gut behandeln und ihre Erwartungen erfüllen; sie schauen auf ihre Vorteile und sind ausgeprägt zielstrebig; sie können häufig die Gefühle und Verhaltensweisen anderer Menschen nur schwer verstehen und nachvollziehen; sie erleben sich von anderen beneidet oder beneiden andere; sie verhalten sich so selbstsicher, dass andere sie als arrogant und hochmütig erleben. Paranoider Persönlichkeitsstil : Die Betroffenen reagieren sehr empfindlich auf Rückschläge und Zurücksetzungen; sie vergeben nicht leicht und wenden sich von Menschen, von denen sie sich beleidigt oder missachtet erleben, ab; sie sind sehr misstrauisch und wachsam, sie glauben leicht, dass andere ihnen feindlich gesinnt sind; sie scheuen keine Streit und beharren auf ihren Standpunkt; in der Partnerschaft zweifeln sie leicht an der Treue des Partners; sie beziehen sich sehr auf sich selbst und können sehr von sich überzeugt sein; sie beschäftigen sich sehr mit den Möglichkeiten einer Schädigung von außen und sehen feindliche Handlungen andere Menschen. Schizotypischer Persönlichkeitsstil : Die Betroffenen erleben, dass sich andere manchmal auf sie in besonderer Weise beziehen; sie haben Überzeugungen, die andere als seltsam, esoterisch und magisch einschätzen; sie haben außergewöhnliche Wahrnehmungen; sie sprechen auf eine Art, die von anderen als vage, umständlich oder übergenau eingeschätzt wird; sie sind argwöhnisch und sehr vorsichtig; sie reagieren in bestimmten Situationen emotional so, dass andere dies als unpassend oder zu oberflächlich erleben; sie kleiden und verhalten sich auffällig und ungewöhnlich; sie beziehen sich - wenn überhaupt - nur auf enge Verwandte und haben kaum bis keine enge Freunde; es können soziale Ängste bestehen. Schizoider Persönlichkeitsstil : Die Betroffenen haben nur an wenigen Tätigkeiten echte Freude; sie sind emotional distanziert und eher kühl; sie sind sehr zurückhaltend mit emotionalen Äußerungen, sei es nun Ärger oder Zuneigung; sie scheinen nach außen völlig unabhängig von Lob und Kritik; sie sind an Kontakten mit anderen nur wenig interessiert und bevorzugen Aktivitäten, die sie alleine durchführen können, sie haben kaum bis keine Freunde und unterhalten höchstens eine enge Beziehung (Partnerschaft); sie beschäftigen sich gerne mit ihren Gedanken und Fantasien; sie interessieren sich wenig bis gar nicht für soziale Übereinkünfte. Es gibt oft Mischtypen mit unterschiedlich ausgeprägten Merkmalen. Bei einigen Stilen kommt es sehr schnell zu psychischem Leid, bei anderen leiden die anderen in der Umgebung, was der Betroffene nicht oder nur eingeschränkt versteht. Wenn der Persönlichkeitsstil nicht gut in die soziale Umgebung passt, kann es zu sozialen und emotionalen Schwierigkeiten kommen mit der nachfolgenden Entwicklung einer psychischen Störung. Behandlung So genannte Persönlichkeitsstörungen galten lange Zeit als schwer oder gar nicht behandelbar. Dies ist aber ein Irrglaube gewesen. Die damaligen Behandlungsmethoden waren nicht geeignet, hier etwas Durchgreifendes zu verbessern. Ein Persönlichkeitsstil kann verändert werden, ist aber wie fast jede Veränderung schwer und kann langwierig sein. Häufig kostet diese Veränderung aber einen höheren Preis als wenn "nur" eine umschriebene psychische Störung vorliegt. Manche Stile sind mit den heute bewährten Methoden bei vorliegender Veränderungsmotivation gut behandelbar, für einige liegen nun seit einiger Zeit spezielle Behandlungsmethoden vor, die ihre Wirksamkeit nachgewiesen haben. Als Beispiel sei die "Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)" nach Linehan für den Borderline-Persönlichkeitsstil genannt. Medikamente können phasenweise helfen schwierige Zeiten zu überbrücken oder Therapiefähigkeit herzustellen, sollten aber langfristig nach erfolgreicher Therapie wieder abgesetzt werden.